20 Jahre 1995-2015
Eine kleine Geschichte von Barbara Hagen-Bernhardt
Timo lebt mit seinen Eltern und seinem Bruder Jesse in einem ziemlich großen Haus in einer ziemlich kleinen Stadt genau zwischen Waldesrand und Meeres- strand. Timo ist ganz schön vernünftig für sein Alter und normalerweise hat er so viel Geduld wie in das riesige Flugzeug passt, mit dem er vor zwei Jahren in den Ferien nach Mallorca geflogen ist. Aber heute ist kein bisschen Geduld in ihm, noch nicht einmal ein ganz kleiner Rest ist übrig. Er hat sich doch so darauf gefreut, mit seinen Eltern ins Kino zu gehen und nun wird wieder nichts daraus, weil es Jesse plötzlich schlechter geht. Timo wird deshalb so wütend, dass es aus ihm heraus brüllt: „Immer wegen diesem doofen Jesse mit seiner doofen Krankheit.“ „Es tut uns wirklich leid, Timo“ versucht seine Mutter zu trösten, „lass uns den Kinobesuch auf einen anderen Tag verschieben.“ Weil er so vernünftig ist, will er sich schon fast darauf einlassen, aber seine Wut ist diesmal stärker und deshalb faucht er: „Hoffentlich stirbt Jesse bald.“ Seine Mutter erschrickt, sie sieht erst traurig aus und dann ärgerlich. „Geh sofort in dein Zimmer“, sagt sie mit einer Stimme, mit der nicht zu spaßen ist. Timo knallt die Tür ein bisschen, damit seine Mutter nicht denken soll, dass er einverstanden ist. Er mault noch eine Zeitlang vor sich hin, aber weil das ohne Zuhörer langweilig ist, will er lieber in dem Buch weiter lesen, das ihm seine Oma geschenkt hat. Die Abenteuer des Tom Sawyer heißt es und er hat schon mehr als die Hälfte gelesen. Als er das Buch auf-schlägt, kommt ihm eine Idee: „Ich mache es wie Tom, ich laufe weg und erlebe tolle Abenteuer.“ Seine Eltern würden ihn bestimmt nicht vermissen, sie haben ja Jesse, denkt er trotzig. Er holt seinen Ferienrucksack aus dem Schrank und packt seinen Lieblingspul- lover hinein; außerdem noch seine Kurbel-Taschenlampe, das Buch und sein Autoquartett. Aus seinem Geheimfach nimmt er eine halbe Tüte Gummibärchen als Proviant und die vier Euro fünfunddreißig, die er gespart hat. Unbemerkt verlässt er sein Zimmer, zieht die Jacke an, die im Flur an der Garderobe hängt und öffnet vorsichtig die Wohnungstür, die gerne mal die Scharniere knarren läßt. Plötzlich fällt ihm ein, dass er seinen grünen Schal vergessen hat. Ohne ihn kann Timo unmöglich weg laufen. Aber wo ist er? Ach ja, in der Sporttasche. Der grüne Schal ist etwas ganz Besonderes, denn Timo hat ihn fast selbst gestrickt. Seine Oma hat wirklich nur ab und zu geholfen. Der Schal passt zwei- mal um seinen Hals, hat fröhliche Fransen und das grünste Grün, das Wolle haben kann. Grün ist die Farbe der Hoffnung, hat seine Oma gesagt und dass man Hoffnung immer gut gebrauchen kann.  Timo schleicht sich wieder in sein Zimmer, bindet sich den Schal um und als wäre er unsichtbar gelangt er durchs Treppenhaus auf die Straße. Weil er wie Tom Sawyer Pirat werden will, macht er sich auf den Weg Richtung Meer, das irgendwo hinter dem Spielplatz ist. Aber kaum ist er an der nächsten Häuserecke angekommen, hört er, wie seine Eltern nach ihm rufen: „Timo! Ti – mo!“ Blitzschnell versteckt er sich hinter einem dicken Baumstamm und wartet. Als er seine Eltern nicht mehr sehen kann, rennt er so schnell er kann zum Spielplatz und kriecht ins angrenzende Gebüsch, wo die Äste eine Höhle gebaut haben, die nur er kennt. Noch außer Atem hört er seine Eltern wieder rufen: „Timo! Ti – mo, wo bist du?“ Seine Vernunft flüstert ihm zu, dass seine Eltern sich bestimmt Sorgen machen, wenn sie ihn nicht finden, aber er hört einfach nicht hin. Er will nicht mehr nach Hause, er will Abenteuer erleben. Plötzlich raschelt es neben ihm im Laub. Timo hält vor Schreck die Luft an. Es raschelt wieder und eine Stimme krächzt: „Verschwinde! Das ist mein Versteck.“ Ein sprechender Laubhaufen? So etwas gibt es doch gar nicht. Oder doch? Timo will der Sache auf den Grund gehen. Vielleicht wartet hier schon sein erstes Abenteuer. Mutig flüstert er: „Zeig dich, wenn du kein Feigling bist.“ Auf einmal wirbeln die Blätter wie wild durcheinander und ein kleiner Rabe mit zerzaustem Federkleid und gelbem Schnabel kommt zum Vorschein. „Ich bin kein Feigling. Ich bin nur vorsichtig.“ Timo ist verblüfft. „Ich wusste gar nicht, dass Raben sprechen können.“ „Dann weißt du es eben jetzt“, entgegnet der Rabe und zupft sich sein Federkleid zurecht. „Was machst du denn hier?“ fragt Timo „Warum versteckst du dich im Unterholz statt wie ein normaler Vogel rum zu fliegen?“ „Weil ich kein normaler Rabe bin. Ich bin ein Menschenrabe.“ „Menschenrabe?“ wie- derholt Timo erstaunt. „Genau. Meine Aufgabe ist es, euch Menschen zu helfen. Aber ihr lasst mich ja nicht. Also sitze ich hier in diesem blöden Laubhaufen und langweile mich. Hast du was zu essen in deinem Rucksack.“ Timo gibt ihm ein Gummibärchen und nimmt sich selber auch eins. Dann fragt er, warum die Menschen sich nicht helfen lassen wollen. Und der Rabe antwortet, dass sie Angst vor ihm haben, weil sie denken, dass er Unheil bringe. Manche halten ihn sogar für einen Dieb. „Aber das stimmt nicht. Wir Raben sind sehr, sehr klug und stehen den Menschen mit Rat und Tat zur Seite. Ich bin doch kein Unglücksrabe. Das sieht man schon daran, wie hübsch mein gelber Schnabel leuchtet. Er ist schließlich aus echtem Sonnenlicht gemacht.“ Dann sagt der Rabe: „Mhm, das war lecker“ und lässt einen klitzekleiner Rülpser ertönen, entschuldigt sich artig dafür und will nun von Timo wissen, warum er sich versteckt. Timo erzählt von seinem kranken Bruder Jesse und dass seine Eltern kaum noch Zeit haben und dass er das doof findet und deshalb Pirat werden und Abenteuer erleben will. Der Rabe hört aufmerksam zu, nickt dann und wann, macht dabei Hm, Hm und sagt schließlich: „Piratenabenteuer, so, so. Das wird schwierig. Könnte es nicht vielleicht auch ein anderes Abenteuer sein?“ Timo denkt kurz nach, aber ihm fällt nichts rechtes ein. Deshalb fragt er: „Was denn zum Beispiel?“ „Unsichtbar sein und Geheimnisse lüften“, schlägt der Rabe vor. Timo ist sofort einverstanden und kaum hat er „Oh ja“ gesagt, breitet der Rabe seinen linken Flügel über ihn aus und murmelt leise: Rabenfedern groß und klein, unsichtbar wollen wir sein. Der Flügel flattert ein wenig, der Schnabel klappert ein wenig und die Büsche ringsum bewegen sich wie wenn ein sanfter Wind durch sie hindurch fährt. „Es hat nicht funktioniert. Ich kann dich noch sehen, klar und deutlich.“ Timo ist enttäuscht. „Ich dich auch“, beschwichtigte der Rabe „aber die anderen können uns nicht sehen.“ Wie zur Bestätigung prallt eine Fliege ohne abzubremsen gegen Timos Stirn. „Glaubst du mir jetzt? Die hat dich nicht gesehen. Aber ihr ist nichts passiert, vielleicht ein bisschen Kopfschmerzen, mehr nicht. So, nun lass uns los, aber pass unterwegs auf, damit keiner über dich stolpert.“ Timo nimmt seinen Ruck- sack. „Wo gehen wir denn hin“, will er wissen. „Hab ich doch schon gesagt“, krächzt der Rabe „Geheimnisse lüften.“ Sie klettern durch das Gebüsch. Aber statt auf dem Spielplatz zu stehen, sind sie plötzlich in Jesses Zimmer. „Warte hier“ fordert der Rabe Timo auf, „ich komme gleich wieder zu dir.“ Er macht sich sichtbar und fliegt auf Jesses Bett. Timo ist erstaunt, dass sein Bruder den sprechenden Raben zu kennen scheint. Zumindest ist er kein bisschen überrascht, als dieser ihn fragt: „Hallo Jesse, alles klar?“ „Gar nichts ist klar“ antwortet Jesse, „mein großer Bruder ist weg.“ „Dein großer Bruder ist weg, so, so. Aber das ist doch vielleicht gar nicht so schlimm. Dann brauchst du nicht mehr zu teilen und große Brüder nerven doch ständig rum, wollen immer bestimmen und können alles besser“, sagt der Rabe.  „Ja, das stimmt schon“, erwidert Jesse „aber Timo kann so spannende Geschichten erzählen wie keiner und wenn er Quatsch macht, muss ich so lachen, dass mein Bauch hüpft und meine Zehen kribbeln. Das fühlt sich dann richtig gut an.“ Er seufzt traurig: „Aber wer will schon einen Bruder haben, der immer krank ist. Ich glaube, ich bin schuld, dass er weg ist.“ „Das stimmt nicht“ will Timo schreien. Doch wer unsichtbar ist, ist leider auch unhörbar. „Ach, das wird schon wieder, vertrau darauf.“, verspricht der Rabe dem kleinen Jesse, verabschiedet sich von ihm und macht sich wieder unsichtbar. „Ich wusste gar nicht, dass du Zehen kribbeln lassen kannst“ sagt er anschließend zu Timo. „Das wusste ich auch nicht. Das hat Jesse mir nie gesagt.“ „Prima, dann hast du ja schon dein erstes Geheimnis gelüftet“, freut sich der Rabe. Timo fügt hinzu: „Ich wusste auch nicht, dass Jesse dich kennt.“ „Zack, und schon wieder ist ein Geheimnis gelüftet. Jesse hatte nie Angst vor mir. Er ist sehr mutig. Du bist richtig gut im Geheimnis lüften. Du kannst stolz auf dich sein.“ Noch ehe Timo etwas entgegnen kann, stehen sie mitten auf dem Spielplatz direkt neben der Rutsche und er sieht seine Eltern, die ihn immer noch suchen und nach ihm rufen. Er spürt, dass sie sehr besorgt sind und er kann sogar erkennen, dass in den Augen seiner Mutter Tränen blitzen. „Pah“, denkt die Wut in ihm „ist mir doch egal.“ Der Rabe kann seine Gedanken hören und flüstert ihm zu: „Ich weiß, dass deine Eltern dich genauso lieb haben wie Jesse.“ „Und warum haben sie dann keine Zeit für mich? Warum ist Jesse immer wichtiger? Warum sind sie manchmal so doof?“ entgegnet Timo finster. „Weil sie denken, dass du auch so weißt, wie gern sie dich haben.“ erklärt der Rabe. „Da denken sie aber ganz schön falsch.“ Voll Freude springt der Rabe in die Höhe, flattert mit seinen Flügeln, dreht sich um seine eigene Achse, öffnet den gelben Schnabel und jauchzt: „Hurra, du hast das halbe dritte Geheimnis gelüftet.“ Timo schaut ihn verständnislos an. „Das halbe dritte Geheimnis?“ „Ja, denn dass Eltern auch Fehler machen ist nur die eine Hälfte. Es fehlt noch was, damit es komplett ist. Na, was könnte das wohl sein?“ „Ich glaube, ich weiß es“, ist sich Timo sicher: „wegzulaufen ist auch ein Fehler.“ Wieder macht der Rabe einen Freudensprung und ruft: „Genau, genau, der Timo, der ist schlau. Das ganze dritte Geheimnis lautet: alle Menschen machen Fehler. Aber das macht gar nichts, denn aus Fehlern kann man lernen und dann wird alles gut gut gut.“ Timo begreift, dass es statt wegzulaufen besser ist, mit seinen Eltern zu reden und ihnen zu sagen, dass er sie manchmal auch für sich haben will. Vielleicht kann dann ja Oma zu Jesse kommen. Oder Johanna von nebenan, die mag ihn nämlich und er hat gehört, wie seine Mutter sagte, dass sie sehr verlässlich ist. Auf einmal ist Timos ganze Wut verschwunden, in seinem Bauch fühlt sich alles wieder leicht an und wie Tom Sawyer sein will er nun doch lieber nicht. „Na, Timo, alles klar?“ mischt sich der Rabe in seine Gedanken ein. „Ja, alles klar“ antwortet Timo und fügt hinzu: „Ich gehe wieder nach Hause. Jesse wartet be- stimmt schon darauf, dass ich seinen Bauch hüpfen und seine Zehen kribbeln lasse. Kannst du mich bitte wieder sichtbar machen?“ „Aber klar doch, kein Problem“ sagt der Rabe, doch gerade als er seinen Flügel über Timo halten will, geht dieser plötzlich zur Seite „Und was wird aus dir, Rabe? Komm doch mit. Meine Eltern haben bestimmt nichts dagegen. Glaube ich.“ „Danke für das Angebot, aber ich kann es nicht annehmen. Das dritte Geheimnis gilt auch für mich: es war ein Fehler, mich zu verstecken. Ich bin ein Menschenrabe und helfen ist meine Bestimmung. Auch, wenn einige mich nicht haben wollen, ich gebe nicht auf.“  Da breitet sich eine großartige Idee in Timos Herz aus. Er nimmt seinen grünen Schal und gibt ihn dem Raben. „Der ist für dich. Mit diesem grünen Schal wird keiner mehr denken, dass du ein Unglücksrabe bist, denn grün ist schließlich die Farbe der Hoffnung.“ Der Rabe bindet sich den Schal um, betrachtet sich in einer Pfütze und ist sehr zufrieden. „Vielen Dank, Timo, der Schal passt vorzüglich zu meinem gelben Schnabel.“ Er nimmt eine königliche Haltung ein und sagt feier- lich: „Ich taufe mich auf den Namen Rabe Grünschal und gelobe für dich da zu sein, wenn du mich mal wieder brauchst.“ Die beiden umarmen sich, Timo nimmt seinen Rucksack, Rabe Grünschal breitet seinen linken Flügel über ihm aus und murmelt leise: Rabenfedern groß und klein, wieder sichtbar sollst du sein. Der Flügel flattert ein wenig, der Schnabel klappert ein wenig und dann ist Timo wieder sichtbar. Aber den Raben Grünschal kann er nun nicht mehr sehen. Doch er spürt einen Windhauch wie von Flügelschlagen und hört von fern „Mach´s gut, Timo, bis bald.“ Aber dann hört er nur noch seine Eltern: „Timo, da bist du ja. Gott sei Dank.“ Sie nehmen ihn in den Arm und er drückt sie ganz fest. Hand in Hand gehen sie nach Hause. Einige Tage später fragt Timo seine Oma, ob sie ihm noch einmal hilft, einen Schal zu stricken, einen, der zweimal um seinen Hals passt, fröhliche Fransen hat und in dem grünsten Grün, das Wolle haben kann. © Barbara Hagen-Bernhardt, 2015
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